„Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ Antriebskräfte, Realität und Mythos eines Versprechens

Konferenz
Datum: 19.09.2017 bis 20.09.2017
Ort: Berlin

Veranstalter:
Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem ZZF Potsdam, dem Arbeitsbereich Zeitgeschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg und dem LabEx EHNE der Université Paris-Sorbonne (Paris 4)

„Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ Dieser Satz aus der ersten Regierungserklä­rung von Bundeskanzler Willy Brandt vom 28. Oktober 1969 übt bis heute eine große Faszination aus. Er gilt als der Leitspruch für die Phase der Reformen und der „Fundamentalliberalisierung“ (Habermas) der alten Bundesrepublik im Übergang von den 1960er zu den 70er Jahren.

Die Konferenz wird sich zunächst den Kräften widmen, die teils schon weit vor 1968/69 eine „Modernisierung“, „Liberalisierung“ und „Demokratisierung“ von Staat und Gesellschaft in der Bundesrepublik forderten und beförderten. Sodann soll erörtert werden, inwieweit die sozial-liberale Regierung Willy Brandts Versprechen praktisch umsetzte und wo sie hinter dem selbstgesteckten Ziel zurückblieb. In welchem Ver­hältnis standen dabei die angestrebte „Demokratisierung aller Lebensbereiche“ und die Bemühungen um mehr politische Planung? Welche Hoffnungen, aber auch Be­fürchtungen weckte „Wir wollen mehr Demokratie wagen“? Wessen Erwartungen wurden erfüllt oder enttäuscht? Und welche Rolle spielte dabei die Zäsur des Krisen­jahres 1973, das den Beginn des „postindustriellen“ bzw. „postmodernen“ Zeitalters markierte?

Im Weiteren geht es darum, die inneren Reformen in der Bundesrepublik internatio­nal einzuordnen. Wie fällt der Vergleich mit anderen westlichen Staaten aus, lassen sich wechselseitige Beeinflussungen feststellen und hatte die Demokratisierung im Westen auch Auswirkungen auf die Länder östlich des „Eisernen Vorhangs“? Damit verbunden ist auch die Frage nach den Folgen und der Rezeptionsgeschichte von „Wir wollen mehr Demokratie wagen“. Welche der Entwicklungen, z. B. das Entste­hen neuartiger Formen zivilgesellschaftlichen Engagements, war wirklich eine Folge jenes Satzes von Willy Brandt und welche vermeintliche Wirkung ist bloßer Mythos? Lässt sich die These von der „Fundamentalliberalisierung“ aufrechterhalten oder haben sich wesentliche Teile der Liberalisierungs- und Demokratisierungs­prozesse sowie des Wertewandels in der Gesellschaft erst seit den 1980er Jahren voll entfaltet?

Die wissenschaftliche Konferenz will die Ankündigung „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ und deren Folgen historisieren. In einer öffentlichen Podiumsdiskussion soll am Ende zudem der Frage nachgegangen werden, welche aktuelle Bedeutung der vielzitierte Satz noch immer hat.

Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung richtet die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), dem Arbeitsbereich Zeitgeschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und dem LabEx EHNE (Ecrire une Histoire Nouvelle de l'Europe) der Université Paris-Sorbonne (Paris 4) aus.

Einladung zur öffentlichen Podiumsdiskussion am 20. September 2017, 18:45 Uhr (PDF)

Programm (PDF)

 

Dienstag, 19. September 2017

10.30–11.00 Uhr

Begrüßung und Einführung
 

11.00–13.30 Uhr
Panel 1: Herkunft und Antriebskräfte – Der Ruf nach „Modernisierung“ und „Demokratisierung“ in den 1950er und 60er Jahren

Chair: Axel Schildt (Hamburg)
- Kristina Meyer (Jena): Die bundesdeutsche Nachkriegsdemokratie und ihre „Vergangenheitsbewältigung“
- Jens Hacke (Halle): Demokratisierungs- und Modernisierungsprozesse in der Bundesrepublik Deutschland der 1950er und 60er Jahre
- Alexander Gallus (Chemnitz): „Revolution“, „freiheitlicher Sozialismus“ und „deutsche Einheit“. Sehnsuchtsorte nonkonformistischer politisch-intellektueller Akteure in der Frühphase der Bundesrepublik Deutschland 
Kommentar: Eckart Conze (Marburg)
 

14.45–17.15 Uhr
Panel 2: Umsetzung und Grenzen – Die Realität von „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ in der Bundesrepublik Deutschland 1969–1974

Chair: Michael Ruck (Flensburg)
- Dietmar Süß (Augsburg): „Mehr Demokratie wagen“ – Politische Praxis und sozialdemokratische Erfahrungen 1969 – 1974
- Elke Seefried (München): „Die Zukunft in den Griff bekommen“. Zum Spannungsfeld von Demokratisierung und politischer Planung in der sozial-liberalen Koalition 1969-1974
- Bernhard Gotto (München): Vom Euphorierausch zum Desillusionierungskater? Enttäuschung in der bundesdeutschen Demokratie während und nach der Ära Brandt
Kommentar: Andreas Rödder (Mainz)

17.45–18.45 Uhr
Martin Sabrow (Potsdam): Zeit(w)orte in der Zeitgeschichte

 

Mittwoch, 20. September 2017

09.00–11.30 Uhr
Panel 3: Vorreiter oder Nachhut? „Mehr Demokratie wagen“ im internationalen Vergleich

Chair: Ingrid Gilcher-Holtey (Bielefeld)
- Hélène Miard-Delacroix (Paris): „Von einem weniger zu einem mehr“? Die Demokratie zwischen Protest, Partizipation und Moderne in deutsch-französischer Perspektive
- Philipp Gassert (Mannheim): Demokratisierung, Modernisierung und Protest in den USA und der Bundesrepublik Deutschland in den 1960er und 1970er Jahren im Vergleich
- Martina Steber (München): Angst um die Demokratie. Deutsche und britische Konservative und das linke Demokratieprojekt
Kommentar: Norbert Frei (Jena)
 

11.45–12.45 Uhr

Frank Bösch (Potsdam): „Mehr Diktatur wagen“? Der bundesdeutsche Umgang mit undemokratischen Staaten in den 1970/80er Jahren
 

14.00–16.30 Uhr

Panel 4: Folgen und Mythos – Die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte von „Wir wollen mehr Demokratie wagen“

Chair: Claudia Weber (Frankfurt/Oder)
- Knud Andresen (Hamburg): Radikalisierung oder Demokratisierung? Politisierte Jugendkulturen in den 1970er Jahren
- Robert Brier (London): „Das Ende des ideologischen Zeitalters“: Menschenrechte, Ostpolitik und demokratischer Wandel in Mittel- und Osteuropa
- Daniela Münkel (Berlin): Willy Brandt als Hoffnungsträger!? „Mehr Demokratie wagen“ und die DDR
Kommentar: Andreas Wirsching (München)
 

16.45–17.30 Uhr

Resümee und Schlussdiskussion
 

18.30–20.00 Uhr

Öffentliche Podiumsdiskussion

„Mehr Demokratie wagen“ heute und morgen: Vom Auftrag zum Albtraum der Politik?
Teilnehmer/innen: Heinz Bude (Prof. für Makrosoziologie, Kassel); Wolfgang Gründinger (Autor und Zukunftslobbyist), Christiane Hoffmann (Journalistin, Der Spiegel), Paul Nolte (Prof. für Neuere Geschichte /
Zeitgeschichte, Berlin), Anja Reschke (Journalistin, NDR), Moderation: Ulrich Schöler (Vorsitzender des Vorstands, Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung)

Moderation: Ulrich Schöler (Vorsitzender des Vorstands, Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung)

Veranstaltungsort

Leibniz-Gemeinschaft
Chausseestraße 111
10115 Berlin

Kontakt und Anmeldung

Dr. Wolfgang Schmidt
Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung d.ö.R.
Unter den Linden 62-68, 10117 Berlin
030-7877070
030-78770750
forum-berlin [at] willy-brandt.de

Anmeldungen zur Konferenz und zur öffentlichen Podiumsdiskussion werden erbeten bis 14. September 2017
- über das Webformular https://goo.gl/forms/ygENzn43JYkL0gPC3
- per E-Mail an forum-berlin [at] willy-brandt.de oder
- telefonisch unter 030 / 787 707-0.

Der Eintritt ist frei.

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