Kontinuitäten und Neuanfänge nach dem Nationalsozialismus: Das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR

Beginn des Projektes: Juli 2017

Gefördert durch das Bundesministerium für Gesundheit

Projektleitung: Prof. Dr. Frank Bösch und Priv.-Doz. Winfried Süß
Projektbearbeitung: Dr. Jutta Braun

Gesundheitspolitik zählt zu den Schlüsselbereichen des modernen Sozialstaats. Die DDR mit ihrem Anspruch, nicht nur sozialistisches, sondern auch „soziales“ Handeln zu verkörpern, erkannte hierin einen Kernbestand ihrer Politik.

Das gesundheitspolitische Handeln im realen Sozialismus unterlag verschiedenen Einflussfaktoren, deren Bedeutung am Beispiel der Arbeit des Gesundheitsministeriums der DDR in den Jahren 1950 bis 1970 ausgemessen werden soll. Einen Schwerpunkt bildet hier die Frage der Kontinuitäten und Brüche gegenüber der Zeit des Nationalsozialismus. So wird die Relevanz politischer Belastung anhand der Analyse von Biografien und Karrierewegen leitender Mitarbeiter des Ministeriums analysiert. Gefragt wird, in welchem Umfang diese ehemals nationalsozialistischen Organisationen angehörten und/oder durch ihre berufliche Tätigkeit belastet waren, etwa durch die Mitwirkung an Zwangssterilisationen und „Euthanasie“ oder an der medizinischen Unterversorgung von Kriegsgefangenen. Weiterhin wird die Bedeutung kaderpolitischer Prioritäten konturiert, die sich aus der Ideologie der zweiten deutschen Diktatur ergaben und die ebenso in der Personalpolitik wirksam wurden.

Zudem werden die Politik des Ministeriums für Gesundheitswesen sowie die Eigenheiten ihrer administrativen Umsetzung untersucht. In beiden deutschen Nachkriegsstaaten musste sich das Gesundheitswesen nach den rassistischen Ausgrenzungen und den Medizinverbrechen der NS-Diktatur neu orientieren. Welche gesundheitspolitischen Traditionsstränge wurden nach dem Ende der NS-Herrschaft in der SBZ/DDR abgebrochen, verändert oder fortgeführt? Auf welche alternativen Vorbilder griff man zurück? Welche Praktiken wurden durch das Ministerium neu etabliert und welche Folgen ergaben sich daraus für Gesundheitspolitik und administrative Praxis der sozialistischen Diktatur? So wird gefragt, welche Prioritäten hier angesichts akuter Problemlagen wie Seuchen oder gesundheitlichen Kriegsfolgen, aber auch der propagierten Zielsetzung einer „Gesundheit für alle“ im sozialistischen Staat gesetzt wurden. Hierbei wird auch ausgelotet, inwieweit der Diktaturcharakter der DDR die hoheitliche Anordnung von Präventionsmaßnahmen erleichterte, aber auch einer Benachteiligung  gesellschaftlicher Gruppen den Weg ebnete.

Zugleich wird das Gesundheitswesen der DDR in seiner Auseinandersetzung mit der bundesdeutschen Gesundheitspolitik betrachtet, da sich gerade auf diesem Gebiet für die DDR verstärkt die Frage des „Systemkampfes“ stellte.

Im Ergebnis will das Projekt einen Beitrag zur ministeriellen Behördengeschichte und ihrer Kontinuitätsproblematik sowie zur Geschichte der Gesundheitspolitik der DDR im Spannungsfeld von Modernisierung, diktatorischer Steuerung und deutsch-deutscher Systemkonkurrenz im Kontext des Kalten Krieges leisten.

Das vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Projekt steht in engem Arbeitszusammenhang zu einem Parallelprojekt am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, das ab 2019 die Geschichte des Bundesministeriums für Gesundheit erforschen wird.

Dr. Jutta Braun

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