„chuligánství“ in der ČS(S)R und „Rowdytum“ in der DDR (1956–1989):

Juristische Rezeptionen – alltägliche Deutungen – polizeiliche Bekämpfungen im Vergleich

Ende des Projektes: Februar 2018

Kotalík, Matěj
Abgeschlossenes Dissertationsprojekt
Forschungsstipendiat der Leibniz-Gemeinschaft

Das russische Wort chuliganstvo, eine Bezeichnung für ungezogenes bzw. gewalttätiges Verhalten männlicher Jugendlicher, die ursprünglich dem Journalismus entstammte, wurde in Rußland nach der Oktoberrevolution 1917 zu einer breiten strafrechtlichen Kategorie mit sozialdisziplinierender Wirkung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser Begriff in mehrere Sowjetsatelliten, darunter auch in die Tschechoslowakei und die DDR „exportiert“. In den beiden Staaten wurde er (umbenannt in chuligánství bzw. výtržnictví und Rowdytum) zum festen Bestandteil deren Strafgesetzbücher und gerichtlicher Praxis, zum Wortschatz der Polizei sowie zum Gegenstand ideologischer Pressekampagnen.

Das allgemeine Forschungsinteresse der abgeschlossenen Dissertation und der „rote Faden“ des Forschungsvorhabens war, dem Einfügen und Weiterleben des sowjetischen normativen Konzeptes chuliganstvo im nicht-sowjetischen Kontext (der ČS(S)R, der DDR) zwischen 1956 und 1989 auf den Grund zu gehen. Die Analyse der konkreten Normative nimmt dabei zwar eine wichtige Rolle ein; die Arbeit beschränkt sich allerdings nicht darauf, sondern verfolgt darüber hinaus deren Verständnis auf der Akteuren-Ebene, die Verwendung des untersuchten Konzeptes in der Alltagspraxis, und nicht zuletzt dessen nachhaltigere herrschaftslegitimierende Bedeutung.

Hinsichtlich der konkreten Fragestellung bedeutet dies erstens, die tschechoslowakische und ostdeutsche Aneignung des Konzeptes chuliganstvo im Spannungsfeld vom Eigenen und Fremden zu erforschen, zweitens, die mannigfaltigen Deutungen und alltäglichen Verwendungen dieses Konzeptes in dessen nationalen Ausprägungen chuligánství/výtržnictví und Rowdytum zu rekonstruieren, und drittens, die Alltagspraxis der Bekämpfung von chuligáni und Rowdys, die Wahrnehmung des Kampfes seitens der Bürger sowie die herrschaftsstabilisierenden Gewinne in den beiden Staaten zu analysieren.

Die Dissertation greift auf methodologische Ansätze der Vergleichsgeschichte, der Transfergeschichte, der „Herrschaft als sozialen Praxis“ und des „Eigen-Sinns“ zurück. Für die ČS(S)R und die DDR werden sowohl Archivquellen als auch gedruckte Quellen ausgewertet. Vorzugsweise gilt hier die Aufmerksamkeit den Dokumenten aus den Quellenbereichen Recht, Polizei und Publizistik. Diese drei Bereiche vertreten hier (natürlich eher idealtypisch) die Interdependenz zwischen Definition, Implementierung und Reflexion der Normen.

Projektergebnisse:

Matěj Kotalík hat am 14. Februar 2018 seine Dissertation unter dem Titel "„chuligánství“ in der ČS(S)R und „Rowdytum“ in der DDR (1956–1989): juristische Rezeptionen – alltägliche Deutungen – polizeiliche Bekämpfungen im Vergleich" an der Universität Potsdam mit dem Gesamtergebnis „magna cum laude“ verteidigt.
Die Veröffentlichung der Studie von Matěj Kotalík ist demnächst in der ZZF-Publikationsreihe „Kommunismus und Gesellschaft“ beim Christoph Links Verlag eingeplant.

Forschung