Ein liberales Projekt?

Die ungarischen ‚Fachkollegien‘ seit dem Spätsozialismus
Beginn des Projektes: Mai 2019

Dissertationsprojekt
im Rahmen des Interdisziplinäre Forschungsnetzwerk Legacies of Communism? Post‐Communist Europe from Stagnation to Reform, between Autocracy and Revolution

Nach Protesten gegen die Regierung gründete 1970 eine Handvoll Budapester Studierender das erste selbst verwaltete Studierendenwohnheim im kommunistischen Ungarn. Sie knüpften einerseits an ungarische Bildungstraditionen an, orientierten sich andererseits aber auch an britischen und französischen Vorbildern. Von Beginn an zeichneten sich die ‚Fachkollegien‘ (szakkollégium) durch studentische Selbstorganisation und weitgehende Autonomie innerhalb der Universität aus, und betonten so das Abgrenzungsbestreben einer neuen akademischen Elite. Bis heute bieten die Wohnheime ausschließlich besonders leistungsstarken Studierenden neben einem komplexen fachlichen Programm günstigen Wohnraum und eine familiäre Gemeinschaft, welche teils verbindungsähnliche Züge aufweist. Darüber hinaus dienen sie seit den 1970er Jahren der beruflichen Vernetzung mit Alumni, wodurch sie rasch den Ruf einer Talentschmiede erwarben.
Mit den Fachkollegien ist im Spätsozialismus aus einer studentischen Initiative ein explizit liberales Projekt entstanden, in dessen Rahmen Studierende demokratische Kultur praktizierten und die Möglichkeit dazu an nachfolgende Studierendengenerationen weitergeben wollte. Die Fachkollegien wurden zum Schauplatz gesellschafts- und regimekritischer Diskurse im Spannungsfeld zwischen Demokratisierung, Modernisierung und aufkeimenden populistischen Strömungen. Dabei haben sich die Studierenden zwar als Gegenelite zur kommunistischen Partei und ihrer Jugendorganisation betrachtet. Das Regime jedoch erhoffte sich Reformideen von den Kollegien, sodass es sich ihnen gegenüber tolerant, wenn nicht sogar unterstützend zeigte.
Das Forschungsprojekt soll untersuchen, welche historischen Erbschaften sich in der Institution des Fachkollegs sowie in den Diskursen der Bewohner widerspiegeln und wie diese sich in den Übergang vom Spätsozialismus zum Postkommunismus einordnen lassen. Drei Problemfeldern gilt dabei besondere Aufmerksamkeit: 1. dem familiären Zusammenleben und daraus resultierenden engen persönlichen Netzwerken; 2. dem Hybridcharakter aus ungarischen und internationalen Elitenbildungsinstitutionen; 3. der Entwicklung populistischer und „illiberaler“ Diskurse in einem eigentlich liberalen Umfeld. Somit kann das Projekt zu Rückschlüssen über die widersprüchliche Entwicklung Ungarns seit dem Ende des Staatsozialismus beitragen.

Zur Website des Interdisziplinäre Forschungsnetzwerks "Legacies of Communism?" gelangen Sie hier.

Maren Francke

Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
Am Neuen Markt 1
14467 Potsdam

Büro: Am Neuen Markt 9d, Raum 1.06
Tel.: 0331 74510-119
Fax: 0331 74510-143
E-Mail: francke [at] zzf-potsdam.de

Forschung

Ein liberales Projekt?

Die ungarischen ‚Fachkollegien‘ seit dem Spätsozialismus
Beginn des Projektes: Mai 2019

Dissertationsprojekt
im Rahmen des Interdisziplinäre Forschungsnetzwerk Legacies of Communism? Post‐Communist Europe from Stagnation to Reform, between Autocracy and Revolution

Nach Protesten gegen die Regierung gründete 1970 eine Handvoll Budapester Studierender das erste selbst verwaltete Studierendenwohnheim im kommunistischen Ungarn. Sie knüpften einerseits an ungarische Bildungstraditionen an, orientierten sich andererseits aber auch an britischen und französischen Vorbildern. Von Beginn an zeichneten sich die ‚Fachkollegien‘ (szakkollégium) durch studentische Selbstorganisation und weitgehende Autonomie innerhalb der Universität aus, und betonten so das Abgrenzungsbestreben einer neuen akademischen Elite. Bis heute bieten die Wohnheime ausschließlich besonders leistungsstarken Studierenden neben einem komplexen fachlichen Programm günstigen Wohnraum und eine familiäre Gemeinschaft, welche teils verbindungsähnliche Züge aufweist. Darüber hinaus dienen sie seit den 1970er Jahren der beruflichen Vernetzung mit Alumni, wodurch sie rasch den Ruf einer Talentschmiede erwarben.
Mit den Fachkollegien ist im Spätsozialismus aus einer studentischen Initiative ein explizit liberales Projekt entstanden, in dessen Rahmen Studierende demokratische Kultur praktizierten und die Möglichkeit dazu an nachfolgende Studierendengenerationen weitergeben wollte. Die Fachkollegien wurden zum Schauplatz gesellschafts- und regimekritischer Diskurse im Spannungsfeld zwischen Demokratisierung, Modernisierung und aufkeimenden populistischen Strömungen. Dabei haben sich die Studierenden zwar als Gegenelite zur kommunistischen Partei und ihrer Jugendorganisation betrachtet. Das Regime jedoch erhoffte sich Reformideen von den Kollegien, sodass es sich ihnen gegenüber tolerant, wenn nicht sogar unterstützend zeigte.
Das Forschungsprojekt soll untersuchen, welche historischen Erbschaften sich in der Institution des Fachkollegs sowie in den Diskursen der Bewohner widerspiegeln und wie diese sich in den Übergang vom Spätsozialismus zum Postkommunismus einordnen lassen. Drei Problemfeldern gilt dabei besondere Aufmerksamkeit: 1. dem familiären Zusammenleben und daraus resultierenden engen persönlichen Netzwerken; 2. dem Hybridcharakter aus ungarischen und internationalen Elitenbildungsinstitutionen; 3. der Entwicklung populistischer und „illiberaler“ Diskurse in einem eigentlich liberalen Umfeld. Somit kann das Projekt zu Rückschlüssen über die widersprüchliche Entwicklung Ungarns seit dem Ende des Staatsozialismus beitragen.

Zur Website des Interdisziplinäre Forschungsnetzwerks "Legacies of Communism?" gelangen Sie hier.

Maren Francke

Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
Am Neuen Markt 1
14467 Potsdam

Büro: Am Neuen Markt 9d, Raum 1.06
Tel.: 0331 74510-119
Fax: 0331 74510-143
E-Mail: francke [at] zzf-potsdam.de

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