Verbundprojekt
im Leibniz-Professorinnen-Programm „Nuclear Reaction on the Khreshchatyk: Ukrainian Society and its Path from Perebudova to Decoloniality, 1986-1994“
Leitung: Juliane Fürst
Wie wurde aus einer sowjetischen Republik ein unabhängiger Staat – und aus „Sowjetbürger*innen“ eine ukrainische Gesellschaft? Dieser Frage geht das Forschungsprojekt am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) nach. Im Mittelpunkt stehen die Jahre zwischen 1986 und 1994: eine Phase tiefgreifender Umbrüche, die von der Reaktorkatastrophe von Tschornobyl über die Reformpolitik der Perestroika bis zur staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine reicht. In dieser kurzen Zeitspanne veränderten sich politische Loyalitäten, Alltagsroutinen und Selbstverständnisse grundlegend.
Das Projekt betrachtet diese Transformation nicht aus der Perspektive politischer Führungen, sondern „von unten“: aus Sicht von Sportler*innen, Jugendlichen, städtischen Initiativen, lokalen Gemeinschaften und kulturellen Akteur*innen. Es fragt, wie Menschen den Zerfall der Sowjetunion erlebten, neue Handlungsspielräume nutzten und eigene Vorstellungen von Zugehörigkeit, Nation und Zukunft entwickelten.
Das fünfköpfige Team untersucht dazu konkrete Lebenswelten und Orte – von Sportverbänden über Ferienlager bis hin zu Städten wie Lwiv oder Kyjiw. Diese Fallstudien fragen, wie sich gesellschaftlicher Wandel im Alltag vollzog: in Institutionen, auf Straßen und Plätzen, in Netzwerken und im Emotionshaushalt der Menschen. Der Begriff „Dekolonisierung“ wird dabei nicht nur theoretisch diskutiert, sondern historisch empirisch geprüft. Ziel des Projekts ist es, die Ukraine als eigenständigen historischen Erfahrungsraum sichtbar zu machen und neue Perspektiven auf das Ende der Sowjetunion zu eröffnen. Damit leistet es einen Beitrag zu einer differenzierteren, europäisch eingebetteten Zeitgeschichte Osteuropas.
Nuclear Reaction on the Khreshchatyk: Ukrainian Society and its Path from Perebudova to Decoloniality, 1986–1994
Mitarbeiter:innen
Juliane Fürst