Presseinformation des ZZF Potsdam vom 03.11.2026
Jahrzehntelang beobachteten Meinungsforschungsinstitute sowie Geheimdienste in Ost und West die Bevölkerung der DDR. Zu welchen Ergebnissen sie kamen, hat DDR- und Geheimdienstexperte Jens Gieseke in einer substantiellen Untersuchung erforscht, die jetzt im Ch. Links Verlag Berlin erscheint.
Was dachten die DDR-Bürger*innen „wirklich“ über ihr Leben, das SED-System und die westliche Welt? Welche Antworten Staatssicherheit und Bundesnachrichtendienst, SED-Institut für Meinungsforschung und Infratest bei ihren Beobachtungen der DDR-Bevölkerung fanden, hat Jens Gieseke untersucht. Jetzt liegt seine umfangreiche Studie unter dem Titel „Die ostdeutsche Volksmeinung. Politische Einstellungen in der DDR-Gesellschaft 1961–1989“ vor.
Auf fast 1000 Seiten rekonstruiert der ZZF-Historiker die geheimen Erkundungsprojekte und schreibt eine Geschichte der „nicht-öffentlichen“ Volksmeinung im Wandel, vom Mauerbau 1961 bis zur Herbstrevolution 1989. Er stützt sich auf Hunderte von Stimmungsberichten der Stasi und des BND sowie geheime demoskopische Studien. Gieseke arbeitet die Haltungslandschaften hinter der Fassade der inszenierten Parteiöffentlichkeit heraus, wie sie diese Beobachter der DDR-Bevölkerung seit den 1960er Jahren analysierten. Er zeigt die Kräfteverteilungen zwischen verschiedenen Haltungstypen, die Nähe und Distanz zur Politik in Ost und West, den Stellenwert des persönlichen Lebens, aber auch die Einstellungen zu Demokratie und Nation.
Jens Gieseke sagt: „Es ist erstaunlich, wie intensiv die Ergebnisse aus Ost und West zueinander ‚sprechen‘. Trotz der gegensätzlichen Weltanschauungen und Methoden, etwa der Stasi-Auswerter und der Infratest-Demoskopen, zeichnen sich Stabilisierung und langsamer Zerfall der staatssozialistischen Ordnung sehr deutlich ab.“
Die Studie enthält Gegenwartsbezüge, ist aber vor allem als Grundlagenforschung zur DDR als Teil der deutschen Gesellschaftsgeschichte von Bedeutung. Sie erscheint am 10. November 2026 in der ZZF-Reihe „Kommunismus und Gesellschaft“ im Ch. Links Verlag Berlin und ist im Buchhandel erhältlich.
Dr. Jens Gieseke, Jahrgang 1964, ist seit 2009 Leiter der Abteilung „Kommunismus und Gesellschaft“ am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF). Er wurde im Jahr 2000 an der Universität Potsdam mit einer Studie zu den hauptamtlichen Mitarbeitern der Staatssicherheit promoviert. Gieseke ist Autor zahlreiche Beiträge zur Geschichte der DDR und zur Geheimdienstgeschichte. Zuletzt erschienen von ihm u.a. „Die Stasi 1945–1990“ (6. Aufl. München 2025) sowie als Herausgeber mit Rüdiger Bergien und Jakob Mühle „Der BND nach Gehlen. DDR-Spionage – Personal – Wissensproduktion“ (Berlin 2025).
Für Interviewanfragen wenden Sie sich bitte an die Pressestelle des ZZF.
Weitere Informationen:
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Über das ZZF Potsdam
Das Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) erforscht die Zeitgeschichte im 20. Jahrhundert und ihre Bezüge zur Gegenwart. Die deutsche und europäische Gesellschaftsgeschichte nach 1945 steht im Mittelpunkt der Forschung, sie wird zugleich auch in ihren internationalen Bezügen untersucht. Neben der Grundlagenforschung sind die Bereitstellung von Forschungsinfrastrukturen und der Wissenstransfer zentrale Aufgabenfelder des ZZF, insbesondere durch digitale Plattformen.