Kriminalitätsdiskurs und Kriminalpolitik in Deutschland und Großbritannien, 1960er bis 1990er Jahre
In aktuellen Debatten scheinen Fragen von Sicherheit, Kriminalität und Migration eng miteinander verbunden zu sein. Mit großer Regelmäßigkeit rufen Politiker:innen nicht nur des rechten Spektrums nach schnelleren Abschiebungen straffällig gewordener Migrant:innen, mitunter gekoppelt mit der Forderung nach härteren Strafen. Obwohl dieser diskursive Nexus von Kriminalität und Migration keineswegs neu ist, haben ihn Historiker:innen bisher keiner umfangreichen Analyse unterzogen. Dabei richteten Politiker:innen und Beamt:innen bereits seit den frühen Jahren der bundesrepublikanischen Arbeitsmigration ihre Aufmerksamkeit auf das vermeintlich kriminogene Potenzial junger männlicher Zuwanderer – in einer Zeit, in der die registrierte Kriminalität in der westlichen Welt insgesamt deutlich anstieg und das Thema eine zunehmende Politisierung erfuhr. Als in den 70er Jahren auch in Reaktion auf wirtschaftliche Krisen das Migrationsregime verschärft wurde, beschworen Politik und Wissenschaft die Entstehung einer ausländischen kriminellen Unterklasse durch nachziehende Kinder und Jugendliche herauf. Stuart Hall stellte zeitgenössisch mit Blick auf Großbritannien fest, dass in der Konstruktion einer „‘soft law and order’ society” in Reaktion auf die wirtschaftliche Rezession in Großbritannien race zum Prisma der Krisenwahrnehmung wurde ¬– eine Wahrnehmung, die sich in den 80er Jahren noch einmal verschärfte, als Migrant:innen stärker als zuvor rassistische Ausgrenzung und teils tödliche Gewalt erfuhren.
Vor diesem Hintergrund adressiert das Projekt den Nexus von Kriminalitätsdiskurs, Migration und Rassismus seit den 1960er Jahren bis zum Ende des Jahrtausends. Der Fokus liegt auf der Bundesrepublik, wobei der britische Fall als Vergleichsfolie dient. Untersucht wird, wie Migration im politisch-medialen Diskurs mit Kriminalität assoziiert wurde und inwiefern sich dies in Reformen von Strafrecht und Strafvollzug niederschlug.
Wähhrend ihres Aufenthalts am ZZF forscht Dr. Hannah Catherine Davies in der Abteilung V: Globalisierungen in einer geteilten Welt.