Gewaltbeziehungen
Intimität und tödliche Gewalt in Deutschland seit dem Ende des 19. Jahrhunderts

Beginn des Projektes
Juli 2025

Forschungsprojekt

Tödliche Gewalt in Intimbeziehungen steht derzeit zunehmend im Fokus politischer Debatten. Sie hat jedoch eine lange Geschichte. Eine historische Analyse tödlicher Partnerschaftsgewalt in Deutschland, die das Verhältnis von Geschlecht, Gewalt und Intimität systematisch diachron in den Blick nimmt, fehlt bisher. Das Forschungsprojekt untersucht mit vertieften Fallstudien und Zeitschnitten den Wandel tödlicher Partnerschaftsgewalt in Deutschland im langen 20. Jahrhundert. So wird die Transformation von tödlicher Beziehungsgewalt über politische Systemumbrüche hinweg als Teil moderner Geschlechterordnungen, Gewaltpraktiken, Medialisierungsmuster und emotionaler Normen analysiert. 

Im Zentrum steht die Frage, wie tödliche Partnerschaftsgewalt im 20. Jahrhundert ausgeübt, wahrgenommen, reguliert und sanktioniert wurde und welche Geschlechter- und Gefühlsordnungen diese Deutungen und Praktiken strukturierten. Der Fokus liegt auf Tötungen von Frauen durch ihre Partner als der häufigsten Form tödlicher Beziehungsgewalt, die mit anderen Konstellationen kontrastiert wird. Das Projekt untersucht Wissensregime, emotionale Regime und Praktiken tödlicher Partnerschaftsgewalt über politische Zäsuren hinweg in drei Zeitschnitten: die lange Jahrhundertwende um 1900 (18901932), Nationalsozialismus und deutsch-deutsche Nachkriegszeit (19331967) sowie die Phase der Pluralisierung von Beziehungskonzepten in der jüngsten Zeitgeschichte (19672002). Diese Zeitbögen legen Umbrüche, Kontinuitäten und den Wandel von Gewaltverständnissen in unterschiedlichen politischen Systemen frei. 

Gesellschaftliche Aushandlungen tödlicher Gewalt in Intimbeziehungen fügen sich nicht bruchlos in Thesen der Liberalisierung und Gewaltabkehr nach 1945 ein. Eine zentrale Hypothese lautet, dass der Umgang mit tödlicher Beziehungsgewalt über weite Strecken des 20. Jahrhunderts von Normalisierung geprägt war. Geschlechtsbezogene Gewalt war damals wie heute ein Medienphänomen. Viele dieser Gewaltbeziehungen blieben im Schatten sensationalistischer Mediendiskurse wie dem ‚Lustmord‘ oder dem ‚Giftmord‘. Zu erörtern ist, wie geschlechtsbezogene Gewalt durch emotionale Zuschreibungen und die Externalisierung auf ‚das Fremde‘ als affektive Ausnahmehandlung konstruiert wurde und inwiefern sich dies auf Normalisierungsprozesse auswirkte. Erst in den letzten Jahrzehnten setzte eine Politisierung in der Auseinandersetzung mit Beziehungstötungen ein. 

Methodisch verbindet das Projekt geschlechter-, wissens- und emotionsgeschichtliche Ansätze sowie feministische Gewalt- und Männlichkeitskonzepte mit praxeologischen Fallstudien. Die Grundlage bilden Archivquellen, darunter Prozessakten, Frauenhaus- und Jugendfürsorgedokumente sowie Eheratgeber, kriminologische Literatur und (Boulevard-)Zeitungen. Ergänzend werden Oral History-Interviews geführt. Mit der doppelten Perspektive auf die Transformation von Gewaltpraktiken und die Grammatik moderner Intimitätspraktiken eröffnet das Projekt neue historiographische Zugänge zur Gesellschaftsgeschichte moderner Geschlechter- und Gewaltverhältnisse.

 

Elisabeth Kimmerle

Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung
Am Neuen Markt 1
14467 Potsdam

Email: kimmerle [at] zzf-potsdam.de


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