Dissertationsprojekt
Das Projekt widmet sich dem antirassistischen Engagement von Menschen, die sich in der Bundesrepublik Deutschland als „MigrantInnen“ organisierten von seinem Aufkommen in den 1980er bis zum Rückgang der Aktivitäten in den 2000er Jahren. Überwiegend Nachfahren sogenannter „Gastarbeiter“ schlossen sich als Reaktion auf die „Konjunktur des Rassismus“ zu antirassistischen Gruppen in von Migration geprägten westdeutschen Städten zusammen. Das von den Akteur*innen identifizierte Phänomen „Rassismus“ hielten sie für eine gesellschaftliche Struktur, die unterschiedliche Gruppen betreffen könne. „Rassismus“ wollten sie herkunftsübergreifend bekämpfen, wobei sie ihr Engagement mit der Forderung nach politischen und sozialen Rechten verbanden.
Dass in der Bundesrepublik sozialisierte Menschen mit Migrationsgeschichte die Begründung einer eigenständigen sozialen Bewegung anstrebten, blieb zeitgenössisch sowohl gesellschaftlich als wissenschaftlich weitgehend unbeachtet. Das Projekt fokussiert daher diese Formen „migrantischer“ Selbstorganisation und ihre Vernetzungen anhand einer mikrohistorischen Untersuchung dreier Gruppen. Im Zentrum der Analyse stehen die Narrative der Aktivist*innen, ihre Mobilisierungsstrategien und Protestformen. Methodisch wählt das Projekt einen multiperspektivischen Zugang und stützt sich auf ein breites Quellenkorpus. Insbesondere private Sammlungen damaliger Aktivist*innen wurden ausgewertet und mit Presseerzeugnissen und Material staatlicher Akteure kontrastiert. Auf diese Weise lassen sich sowohl gruppeninterne Dynamiken als auch die gesellschaftliche Rezeption des Aktivismus nachvollziehen.
Indem Eingewanderte und Protest zusammengedacht werden, kann nicht nur eine Lücke in der historischen Protestforschung geschlossen werden. Vielmehr lassen sich Migrant*innen als handelnde Subjekte ernst nehmen mit dem Ziel, an einer Neuperspektivierung der Geschichtsschreibung der Bundesrepublik teilzuhaben. Das an der Schnittstelle von Einwanderungs-, Rassismus- und Protestgeschichte angesiedelte Projekt leistet zugleich einen Beitrag zur Geschichte gesellschaftlicher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse.