Konstantin Neumann schließt erfolgreich seine Promotion zur Strafverfolgung fahnenflüchtiger Soldaten der NVA ab

Konstantin Neumann, Disputation 31.3.2025

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Foto: Friederike Neumann

Konstantin Neumann hat am 31. März 2025 seine Dissertationsschrift „Desertion in der Diktatur. Die Strafverfolgung fahnenflüchtiger Soldaten der Nationalen Volksarmee 1963-1989 als Herrschaftstechnik und Legitimationsdiskurs“ erfolgreich an der Universität Potsdam verteidigt. Er wurde mit der Note "magna cum laude" promoviert. Gutachter waren Prof. Dr. Thomas Schaarschmidt (ZZF Potsdam/Universität Potsdam) und Prof. Dr. Thomas Lindenberger (Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung/Technische Universität Dresden).

Im Zentrum der Dissertation steht die Frage, wie die Justizakteure der DDR das Delikt der Fahnenflucht konstruiert haben und welche spezifischen Strafverfolgungspraktiken sich daraus ergaben. Da sich die Herrschaft der SED maßgeblich auf die bewaffneten Organe stützte und die Deserteure somit die Existenz des sozialistischen Staates bedrohten, wird die DDR-Fahnenfluchtgeschichte als eine Herrschaftsgeschichte erzählt. Mit einer Verknüpfung von quantitativen und qualitativen Methoden werden 1.111 verurteilte Deserteure einer Kartei des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) statistisch ausgewertet und eine Stichprobe von 97 Personen für eine tiefere Analyse entnommen. Auf Grundlage von Ermittlungs- und Überwachungsakten sowie weiterer Quellen ergänzt die Arbeit als empirisch gesättigte Fallstudie am Beispiel der Fahnenflucht die Forschung zur DDR-Justiz.

Die Militärgerichte konnten Deserteure aufgrund verschiedener Strafverschärfungsmechanismen leicht zu hohen Haftstrafen verurteilen. Im Ermittlungsverfahren bemühten sich die MfS-Vernehmer darum, eine ideologische Abweichung der Deserteure nachzuweisen und somit eine schlüssige Erzählung zu konstruieren. Situativ auftretende Fahnenfluchten – beispielsweise infolge von Alkoholkonsum oder einer gescheiterten Liebesbeziehung – wurden sozialistisch gedeutet und in das eigene Verurteilungsnarrativ eingeflochten. Die Konstruktion der Fluchtmotive war auch wegen der Teilöffentlichkeitsdimension der Strafverfahren wichtig. Diese erfuhren eine Repräsentation auf einer Versammlungsebene, um mithilfe des „Kollektivs“ die Repression zu legitimieren. Zudem entwickelten die Justizakteure auf Grundlage realer Strafverfahren verschiedene didaktische Formate, um NVA-Soldaten über das Delikt der Fahnenflucht aufzuklären und Desertionen präventiv zu verhindern.

Konstantin Neumann ist seit Mai 2021 als Doktorand am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam in der Abteilung IV „Regime des Sozialen“ assoziiert. Seine Arbeit entstand im Rahmen des BMBF-Forschungsverbundes „Landschaften der Verfolgung“ an der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.