Matěj Kotalík verteidigt erfolgreich Dissertation zum „chuligánství“ in der Tschechoslowakei und „Rowdytum“ in der DDR zwischen 1956 und 1989

01.03.2018

Matěj Kotalík hat am 14. Februar 2018 seine Dissertation unter dem Titel "„chuligánství“ in der ČS(S)R und „Rowdytum“ in der DDR (1956–1989): juristische Rezeptionen – alltägliche Deutungen – polizeiliche Bekämpfungen im Vergleich" an der Universität Potsdam mit dem Gesamtergebnis „magna cum laude“ verteidigt. Die von beiden Gutachtern mit „summa cum laude“ bewertete Arbeit entstand im Rahmen des 2011–2014 am ZZF (Abteilung I.) angesiedelten internationalen Netzwerkprojektes „Physical Violence and State Legitimacy in Late Socialism“/„Physische Gewalt und Herrschaftslegitimation im Spätsozialismus“.

Die Dissertation entstand auf breiter Quellenbasis aus tschechischen wie deutschen Archiven und kombiniert strukturhistorische mit alltagshistorischen Forschungsansätzen. Schwerpunkt der Arbeit liegt auf dem Aneignen und Weiterleben des sowjetischen normativen Konzeptes „chuliganstvo“ in der poststalinistischen Tschechoslowakei und DDR.

Ein „Transfervergleich“ dieser beiden Ostblockstaaten ergibt, dass die strafrechtlichen Äquivalente statt Wiedergabe sowjetischer Impulse eine Mischform fremder Vorbilder und eigener Traditionen waren. Diese Rechtstraditionen erwiesen sich als stärker, während das sowjetische Element besonders in der Rechtspraxis ein Fremdkörper blieb. Die jeweils in ihrer Entwicklung analysierten Definitionen des Delikts deuten nicht zuletzt auf eine Tendenz zur Überschätzung gruppenmäßiger und Unterschätzung gewaltsamer Verhaltensweisen hin. Die alltäglichen Verständnisse von „chuligánství“ und „Rowdytum“ zeigen eine Verwässerung dieser Konzepte als Produkt „eigen-sinniger“ individueller Aneignungen. Trotz Verständigungsanläufe um 1960/61 blieb ein Nebeneinander mehrerer Deutungen bestehen: in der ČSSR war dieses alters- und bildungsmäßig bedingt, in der DDR erfuhr „Rowdytum“ eine gelegentliche Erweiterung auf erwachsene und weibliche Adressaten. Die auf dem poststalinistischen Öffentlichkeitsbegriff basierende polizeiliche Bekämpfung dieses Deliktes war von Fehlschlägen begleitet und zog Umdenkversuche nach sich, die jedoch nicht immer die Tiefen der Polizeipraxis erreichten. In den 1970er Jahren, sowohl in der zur Repression zurückkehrenden ČSSR als auch in der aus außenpolitischen Gründen auf „weiche Linie“ setzenden DDR, ließ die umstrittene Frage der Gewaltanwendung den bisherigen gesellschaftlichen Konsens über den Umgang mit Randgruppen brüchig werden.

Matěj Kotalíks Dissertation wurde von Prof. Dr. Thomas Lindenberger (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam/Universität Potsdam) und Prof. Dr. Volker Zimmermann (Collegium Carolinum München/Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) betreut. Gefördert wurde die Arbeit durch die Leibniz-Gemeinschaft und durch ein Abschlussstipendium des ZZF. Die Veröffentlichung der Studie ist demnächst in der ZZF-Publikationsreihe „Kommunismus und Gesellschaft“ beim Christoph Links Verlag eingeplant.

Seit August 2015 ist Kotalík im Forschungsprojekt „MfS und MGB/KGB im sowjetischen Block 1950–1989: Strukturen, Inhalt, und Grenzen ihrer Beziehungen“ in der Abteilung „Bildung und Forschung“ (BF) beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) beschäftigt.

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