Spur der Scherben. Die Selbstverwaltung der Glashütte Süßmuth zwischen basisdemokratischem Aufbruch um „1968“ und dem Niedergang der bundesdeutschen Mundglasbranche

Assoziiertes Dissertationsprojekt
Gefördert von der Stiftung Bildung und Wissenschaft, vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und von der Universität Potsdam

Im März 1970 übernahmen die 250 Beschäftigten der Glashütte Süßmuth im nordhessischen Immenhausen ihren Betrieb und fanden damit eine kollektive Antwort auf den drohenden Verlust ihrer Arbeitsplätze. Dieser in der Geschichte der Bundesrepublik erstmalige und nahe einmalige Vorgang erregte damals bundesweit Aufmerksamkeit und wurde zum Politikum. Als jedoch das Unternehmen im Jahr 1996 den letzten Ofen stilllegte, war die Geschichte der Selbstverwaltung bereits in Vergessenheit geraten.

Das Dissertationsprojekt untersucht die Hintergründe der Selbstverwaltung der Glashütte Süßmuth, die hiermit einhergegangenen Auf- und Umbrüche sowie die spezifischen Faktoren, die eine Verstetigung der demokratischen Praxis in einem bundesdeutschen Industrieunternehmen zum damaligen Zeitpunkt erschwerten. Im Zentrum der mikrohistorischen Fallstudie stehen die Akteur*innen, ihre Praktiken und handlungsleitenden Vorstellungen sowie die Rezeption und historische Bedeutung der Selbstverwaltung. Auf vier Analyseebenen (Produktion, Produkte, Unternehmensführung, Arbeitsbeziehungen) werden die Entwicklungen in der Glashütte Süßmuth vor, während und nach der Selbstverwaltung untersucht und dabei asymmetrisch mit den Verhältnissen in acht anderen Unternehmen der bundesdeutschen Mundglasbranche verglichen. Auf diese Weise leistet die Arbeit einen empirischen Beitrag zur Historisierung der Selbstverwaltung als eine Form des kollektiven Wirtschaftens, einen Beitrag zur kaum erforschten Branchengeschichte sowie einen akteurszentrierten Beitrag zur zeithistorischen Forschung über den wirtschaftlichen Strukturwandel, den Wandel der Arbeitswelt sowie den Wandel der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen über die Formen demokratischer Teilhabe im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Der Fall Süßmuth kann als eine Spur zur Geschichte des basisdemokratischen Aufbruchs in der Arbeitswelt um „1968“ gelesen werden, auf den der Blick in der Geschichtswissenschaft – nicht zuletzt durch den Niedergang der arbeitskräfteintensiven „Traditionsindustrien“ – häufig verstellt ist.

Christiane Mende

Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
Am Neuen Markt 1
14467 Potsdam

E-Mail: mende [at] zzf-potsdam.de

Forschung

Spur der Scherben. Die Selbstverwaltung der Glashütte Süßmuth zwischen basisdemokratischem Aufbruch um „1968“ und dem Niedergang der bundesdeutschen Mundglasbranche

Assoziiertes Dissertationsprojekt
Gefördert von der Stiftung Bildung und Wissenschaft, vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und von der Universität Potsdam

Im März 1970 übernahmen die 250 Beschäftigten der Glashütte Süßmuth im nordhessischen Immenhausen ihren Betrieb und fanden damit eine kollektive Antwort auf den drohenden Verlust ihrer Arbeitsplätze. Dieser in der Geschichte der Bundesrepublik erstmalige und nahe einmalige Vorgang erregte damals bundesweit Aufmerksamkeit und wurde zum Politikum. Als jedoch das Unternehmen im Jahr 1996 den letzten Ofen stilllegte, war die Geschichte der Selbstverwaltung bereits in Vergessenheit geraten.

Das Dissertationsprojekt untersucht die Hintergründe der Selbstverwaltung der Glashütte Süßmuth, die hiermit einhergegangenen Auf- und Umbrüche sowie die spezifischen Faktoren, die eine Verstetigung der demokratischen Praxis in einem bundesdeutschen Industrieunternehmen zum damaligen Zeitpunkt erschwerten. Im Zentrum der mikrohistorischen Fallstudie stehen die Akteur*innen, ihre Praktiken und handlungsleitenden Vorstellungen sowie die Rezeption und historische Bedeutung der Selbstverwaltung. Auf vier Analyseebenen (Produktion, Produkte, Unternehmensführung, Arbeitsbeziehungen) werden die Entwicklungen in der Glashütte Süßmuth vor, während und nach der Selbstverwaltung untersucht und dabei asymmetrisch mit den Verhältnissen in acht anderen Unternehmen der bundesdeutschen Mundglasbranche verglichen. Auf diese Weise leistet die Arbeit einen empirischen Beitrag zur Historisierung der Selbstverwaltung als eine Form des kollektiven Wirtschaftens, einen Beitrag zur kaum erforschten Branchengeschichte sowie einen akteurszentrierten Beitrag zur zeithistorischen Forschung über den wirtschaftlichen Strukturwandel, den Wandel der Arbeitswelt sowie den Wandel der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen über die Formen demokratischer Teilhabe im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Der Fall Süßmuth kann als eine Spur zur Geschichte des basisdemokratischen Aufbruchs in der Arbeitswelt um „1968“ gelesen werden, auf den der Blick in der Geschichtswissenschaft – nicht zuletzt durch den Niedergang der arbeitskräfteintensiven „Traditionsindustrien“ – häufig verstellt ist.

Christiane Mende

Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
Am Neuen Markt 1
14467 Potsdam

E-Mail: mende [at] zzf-potsdam.de

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