Politik, Recht, Erfahrungen von Staatenlosigkeit in transnationaler Perspektive in Westeuropa (1919-1960er)

Am Ausnahmefall – wenn die Zugehörigkeit zu einem Staat fehlt oder prekär geworden ist – wird der Wandel von Zugehörigkeitskonzeptionen in der westeuropäischen Hochmoderne untersucht. Staatenlosigkeit entstand als neuartiger Status fehlender rechtlicher und diplomatischer Bindung im Europa beider Weltkriege, als Nationalstaaten immer wieder massenhaft Bevölkerungsgruppen in die Staatenlosigkeit entließen oder ausbürgerten. Parallel zu der vierzigjährigen „europäischen Flüchtlingskrise“ (1919-1959) wurde Staatenlosigkeit in den neugeschaffenen internationalen Organisationen von Völkerbund und Vereinten Nationen als Kategorie des Völkerrechts definiert. Nach den UN-Konventionen zum Status Staatenloser Personen 1954 und zur Vermeidung von Staatenlosigkeit 1961, verlagerte sich das Phänomen in den außereuropäischen Raum. Die enge Verbindung von Migrationsbewegung und Kategorisierungprozess ermöglicht, zwei paradoxe politische Prozesse des 20. Jahrhunderts exemplarisch zu erfassen: Einerseits lässt sich die neuartige Entrechtung ganzer Bevölkerungsgruppen durch die Entlassung in Staatenlosigkeit beobachten. Andererseits zielte eine international ausgehandelte Verrechtlichung auf die Regulierung der Folgen dieser außen- und bevölkerungspolitischen Aggression. Die übergreifende historische Fragestellung zielt auf die Analyse dieser verflochtenen historischen Entwicklungen, die das Verhältnis von Recht und Politik ebenso veränderten wie das von Staat und Individuum. 

Kathrin Kollmeier hat Ihre Tätigkeit als wiss. Mitarbeiterin am ZZF Potsdam in Abt. IV am 31.10.2017 beendet und ist zur Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss gewechselt.

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