Menschenführung im 20. Jahrhundert. Konzepte, Semantiken und Praktiken

Tagung
Datum: 13.10.2017 to 14.10.2017
Ort: Potsdam

Zwischen dem nationalsozialistischen „Führerprinzip“ und modernen Methoden der betrieblichen Menschenführung scheinen Welten zu liegen. Wenn aber selbst in liberalen Demokratien der Ruf nach einem „starken Führer“ salonfähig wird und sich dieser nicht nur in Umfragen und Demonstrationen, sondern immer häufiger auch in Wahlergebnissen niederschlägt, ist die Geschichtswissenschaft gefordert, der historischen Entwicklung und Wirkmächtigkeit von Führer- und Führungskonzepten in der Zeitgeschichte nachzugehen. Die Auseinandersetzung mit Konzepten, Semantiken und Praktiken von Menschenführung in der Geschichte des 20. Jahrhunderts kann einen Beitrag zur Beantwortung der Frage leisten, wie die Attraktivität von „Führung" zu erklären ist, welche semantischen Traditionen dafür eine Rolle spielen und welche gesellschaftlichen Erfahrungen und Erwartungen sich damit verbanden und immer noch verbinden.

Die Tagung nimmt Ihren Ausgang von der These, dass es sich beim Führungsbegriff um einen Grundbegriff des 20. Jahrhunderts handelt, dessen Erforschung neue Erkenntnisse über die Formierung, Strukturierung und Legitimierung moderner Gesellschaften verspricht. Versteht man das vergangene Jahrhundert in diesem Sinne in Gänze als ein „Zeitalter der Führung“, zeigt sich die Kontinuität epochenspezifischer Problemkonstellationen über die klassischen ereignisgeschichtlichen Zäsuren, politischen Systeme und gesellschaftlichen Teilbereiche hinweg: Über Führung wurde das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen gesellschaftlichen Status‘ in Vergemeinschaftungsprozessen und institutionalisierten Kontexten zu fassen versucht und ihr Verhältnis als ein gezieltes Aufeinander-Einwirken nach bestimmten, zeitspezifischen Regeln, Normen und Werten bestimmt, die zwischen den Polen von Zwang und Freiwilligkeit oszillierten. Führung war dabei ein Begriff, mit dem Repräsentations-, Funktions- und Legitimationsfragen gestellt wurden, die sich ebenso auf symbolische, wie auf physische und psychische Äußerungsformen bezogen. Zugleich wurden über den Führungsbegriff nicht nur interpersonale Beziehungen, sondern auch individuelle Selbstverhältnisse verhandelt.

Dass die Frage, wie man andere und sich selbst „richtig“ führt, in der Demokratie ebenso virulent ist wie in der nationalsozialistischen und der sozialistischen Diktatur, verweist auf die Anpassungsfähigkeit des Führungsbegriffs und seine generelle Bedeutung, die ihn durch andere Begriffe anscheinend unersetzbar werden ließen. Die Tagung nimmt den Führungsbegriff deshalb explizit nicht nur als Analyse-, sondern auch als Quellenbegriff ernst. Eine exemplarische Fokussierung auf die Bereiche Politik, Militär, Ökonomie und Beratung in der Weimarer Republik, unter der Herrschaft der Nationalsozialisten, in der Geschichte der BRD und der DDR ermöglicht eine integrierte Sicht auf die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Querschnittsbereiche sind dabei zusätzlich die Geschichte der Erziehung, der Wissenschaft und der Verwaltung.

Flyer zur Tagung

Programm

 

Freitag, 13.10.2017

 

13:00-13:30

Thomas Schaarschmidt/Franziska Rehlinghaus
Einführung: Überlegungen zu einer integrierten Geschichte der Führung im 20. Jahrhundert

 

Politische Menschenführung I: Führererwartungen ­nach dem Ersten Weltkrieg

  • 13:30-13:50 Jörn Retterath: Wider das Chaos. Die Sehnsucht nach Führung, Einheit und Gemeinschaft im Spektrum der politischen Mitte von Weimar
  • 13:50-14:10 Barbara Stambolis: Jugend führt Jugend? Die deutsche Jugendbewegung zwischen Selbstbe¬stimmung und Unterordnung
  • 14:10-14:30 Wolfram Pyta: Ästhetische Legitimation politischer Führerschaft am Beispiel von Hindenburg und Hitler
  • 14:30-14:40 Kathrin Kollmeier: Kommentar
  • 14:40-15:10 Diskussion

 

15:10-15:40 Kaffeepause

 

Politische Menschenführung II: „Führerstaat“, „sozialistische Menschenführung“ und Führung in der Demokratie

  • 15:40-16:00 Armin Nolzen: Die Menschenführung der NSDAP nach 1933
  • 16:00-16:20 Morten Reitmayer: Elite-Handeln. Semantiken der Führung in der Bundesrepublik nach 1945
  • 16:20-16:40 Rüdiger Bergien: „Transmissionsriemen“ und „Debattierklub“. Führungsstrukturen im zentralen Parteiapparat der SED
  • 16:40-16:50 Rüdiger Hachtmann: Kommentar
  • 16:50-17:20 Diskussion

 

17:20-17:50 Kaffeepause

 

Militärische Führung nach 1945

  • 17:50-18:10 Rüdiger Wenzke: Führung in der NVA
  • 18:10-18:30 John Zimmermann: Reform auf Ruinen? Das Konzept der Inneren Führung der Bundeswehr
  • 18:30-18:40 Thomas Schaarschmidt: Kommentar
  • 18:40-19:10 Diskussion

 

ab 19:30 Gemeinsames Abendessen

 

Samstag, 14.10.2017

 

Führung und Führen lernen als ökonomische Herausforderung

  • 9:30-9:50 Karsten Uhl: Menschenführung in der „Betriebsgemeinschaft“. Wissen-schaftliche Konzepte und betriebliche Praxis während der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus
  • 9:50-10:10 Franziska Rehlinghaus: Führen lernen. Führung als Praxis betrieblicher Weiterbildung in der BRD
  • 10:10-10:20 Rüdiger Graf: Kommentar
  • 10:20-10:50 Diskussion

 

10:50-11:20 Kaffeepause

 

Die Führung des Selbst

  • 11:20-11:40 Stefan Senne und Alexander Hesse: Selbstführung im 20. Jahrhundert. Techniken und Strategien der Subjektivierung in Lebensratgebern
  • 11:40-12:00 Boris Traue: Menschenführung zwischen Geständnis und Selbstautorisierung. Versuch einer soziologischen Einordnung
  • 12:00-12:10 Martin Sabrow: Kommentar
  • 12:10-13:00 Diskussion und Abschlussdiskussion

 

Veranstaltungsort

Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
(Großer Seminarraum)

Am Neuen Markt 9 d
14467 Potsdam

Anfahrt

Kontakt und Anmeldung

Anmeldung:

Um eine verbindliche Anmeldung wird gebeten bis zum 6.10.2017 per Mail an: rehlinghaus [at] zzf-potsdam.de

 

Kontakt:

  • Franziska Rehlinghaus (rehlinghaus [at] zzf-pdm.de)
  • Thomas Schaarschmidt (schaarschmidt [at] zzf-pdm.de)
Veranstaltungen