Summer School in Pontinia (Italien) 2018

Summer School in Pontinia (Italien) 2018

Rethinking the Rural Landscape. Gemeinsam Analysieren, Erarbeiten, Präsentieren und Vorausdenken der Landschaft

Ein Bericht von Johanna Blender, Ulli Engst, Marcel Haug, Bettina Köhler und Irmgard Zündorf

Die Public History-Gruppe, Latina 2018 (Foto: Irmgard Zündorf)

Die Public History-Gruppe, Latina 2018 (Foto: Irmgard Zündorf)

Vom 27. April bis zum 6. Mai 2018 fand in Pontinia (Italien) die gemeinsame Summer School Rethinking the Rural Landscape. Gemeinsam Analysieren, Erarbeiten, Präsentieren und Vorausdenken der Landschaft der Technischen Universität Berlin und des Politecnico di Milano mit dem Masterstudiengang Public History der Freien Universität Berlin statt. Die Summer School wurde in Kooperation mit MAP Museo dellagro Pontino durchgeführt und durch den DAAD finanziert.

Ziel war es, die Auswirkung der faschistischen Ideologie auf die Region seit ihrer Trockenlegung verständlich zu machen. Dafür erforschten Architekturstudierende, Stadtplaner und Public Historians Pontinia und seine Umgebung mit verschiedenen interdisziplinären Methoden. Sie kartierten die Stadt und ihr Umfeld, sichteten historische Materialien – vor allem Fotos – im Museo dellagro Pontino und interviewten Einwohner der Region. Zum Abschluss entwickelten die Studierenden Präsentationen ihrer Ergebnisse, die in einer öffentlichen Veranstaltung vor Ort vorgestellt wurden.

Pontinia ist eine der fünf faschistischen Neustädte, die in den 1930er Jahren südlich von Rom in den, unter der Regierung Mussolinis trockengelegten, Pontinischen Sümpfen angelegt wurden. Noch heute lassen sich an den Gebäuden Überreste der faschistischen Zeit – wie grafisch dargestellte Rutenbündel (fasci littori), Mussolini-Zitate oder die Abkürzung E.F. (Era fascista) – finden. Aber auch die Baustile, die Anordnung der Gebäude und Straßen, sowie der Aufbau der landwirtschaftlichen Flächen, der Entwässerungskanäle und selbst der Baumbestand geben Auskunft über die Geschichte der Region. Diese Hinweise zu entschlüsseln war die gemeinsame Aufgabe der Architektur- und Public History-Studierenden.

Ein kurzer Überblick über den Workshop aus Perspektive der Studierenden soll die Schwerpunkte, Herausforderungen aber auch Chancen der interdisziplinären Summer School verdeutlichen.

Rathaus, Pontinia 2018 (Foto: Irmgard Zündorf)

Rathaus, Pontinia 2018 (Foto: Irmgard Zündorf)

 

Ablauf des Workshops

Der Workshop hatte schon vor der Ankunft in Pontinia mit einem ersten Treffen in Berlin und der Verteilung der Vorbereitungslektüre begonnen. Dabei wurde darauf geachtet, dass die Public History Studierenden auch die Architektur- und die Architekten auch die Geschichtswissenschaftstexte zur Kenntnis nehmen. In Berlin waren zudem bereits gemischte Kleingruppen gebildet worden. Diesen wurde nun vor Ort in Italien jeweils ein Teilabschnitt der Region rund um Pontinia als Untersuchungsfeld zugeordnet.

Die ersten Tage begannen jeweils mit Einführungen in die Methoden der Public History und der Oral History aber auch des Mappings. Anschließend setzten wir uns innerhalb unserer Arbeitsgruppen mit den Anforderungen und Aufgaben der nächsten Tage auseinander bzw. begannen mit der Erkundung der Stadt und der Region, durch sowohl individuelle Wanderungen als auch Fahrradtouren in unseren Gruppen oder geführte Stadtrundgänge. Parallel dazu begannen die Gruppen mit dem Mapping ihres jeweiligen Kartenabschnitts.

Eine Exkursion führte die Teilnehmenden der Summer School in die nahegelegenen Städte Latina und Sabaudia, wo wir uns mit der dortigen faschistischen Stadtarchitektur auseinandersetzten und Vergleiche zu Pontinia zogen. An einem Abend sahen wir uns zusammen den Dokumentarfilm The Harvest (2017) an, der sich mit den Problemen und Herausforderungen der in Pontinia ansässigen Sikh-Gemeinde auseinandersetzt. Anschließend hatten wir die Gelegenheit, mit dem Regisseur und einigen Darstellern zu diskutieren.

Neben einem Besuch in dem städtischen Museo dellagro Pontino (MAP), das in einer sehr klassischen Form die Geschichte der Stadt mit Fokus auf die Trockenlegung behandelt, besichtigten wir zusätzlich das private Museum Piana delle Orme in Borgo Faiti. Die beeindruckend große Ausstellung, die zahlreiche landwirtschaftliche Fahrzeuge und Maschinen aber auch militärisches Gerät zeigt, setzt sich mit der Geschichte der Region auf eine ganz eigene und teilweise sehr befremdliche Art auseinander. In sehr unkritischer Weise wurde zum Beispiel Mussolinis propagandistisch inszenierte Hilfe bei der Ernte rekonstruiert.

Museo delle Orme, 2018 (Foto: Irmgard Zündorf)

Museo delle Orme, 2018 (Foto: Irmgard Zündorf)

Interdisziplinäres Arbeiten: Architekturstudierende und Public Historians

Die Architekturdozentinnen hatten den zu vermessenden und analysierenden Raum in vier vertikale Abschnitte eingeteilt, die jeweils einer Gruppe von Studierenden der Architektur und der Public History zugeteilt wurden. Jeder der vier Abschnitte bezeichnete einen Streifen, der von den Bergen bis zur Küste führte, sowie einen Teil der Stadt Pontinia. Die Gruppen teilten sich wiederum in weitere Untergruppen auf, die jeweils einen unterschiedlichen Fokus bei der Auseinandersetzung mit der Landschaft und der Stadt Pontinia setzten. Die Public History Studierenden gehörten dabei vorwiegend den Gruppen an, die sich mit dem öffentlichen Erinnerungsdiskurs der Stadt in Form von persönlichen Interviews befassten. In regelmäßigen Abständen traf sich die Gesamtgruppe, um sich über den Arbeitsprozess auszutauschen. Von der Zusammenarbeit konnten sowohl die Public History-Studierenden profitieren, die einen Einblick in den Erschließungsprozess einer Landschaft erhielten, als auch die Architekturstudierenden – da sie sich auf diese Art in einem höheren Maße als sonst mit den historischen Gegebenheiten des Raumes und den daraus resultierenden Problemen und Herausforderungen auseinandersetzten.

 

Interviews oder doch eher Gespräche

Ein wichtiger Bestandteil des Projekts waren die Interviews mit den Einwohnern der Stadt. Zum einen sollten auf diese Weise erste grundlegende Fragen direkt geklärt werden: Wie alt ist das Haus in dem sie leben? Wie viele Generationen wohnen zusammen und welche Veränderungen wurden im Lauf der Jahre vorgenommen? Zum anderen ging es darum, herauszufinden, in welchem Verhältnis die Bewohner der Stadt zu ihrem historischen Erbe stehen, welches in der Stadt allgegenwärtig ist.

Bei den Gesprächen war vielleicht am überraschendsten wie multikulturell die Gegend selbst ist und wie offen die Menschen uns gegenüber waren: wie die Großfamilie, die eine Studierenden-Gruppe spontan in ihr Haus einlud, obwohl man sich sprachlich nicht wirklich verstehen konnte. Als sich jedoch herausstellte, dass die Schwiegertochter der Familie Brasilianerin war und eine Studentin eine holprige Mischung aus spanisch und portugiesisch zustande brachte, hat es irgendwie gereicht um sich bei Kaffee und Kuchen über das Haus, den Hof und die Tiere (die Sau hatte gerade Ferkel bekommen…) auszutauschen.

Die Gespräche mit den Einheimischen – Menschen verschiedener Generationen, deren Familien teilweise unter Mussolini in der Region angesiedelt worden waren und die noch in den alten Kolonisten-Häusern lebten, aber auch mit Zugezogenen, Bewohnern die tagtäglich nach Rom pendeln, anderen die die Region nie wirklich verlassen haben oder den Mitarbeitern der Stadtverwaltung sowie Mitgliedern der Sikh-Community – haben das Projekt enorm bereichert. Auch wenn die Fragen nach dem Umgang mit dem historischen Erbe kaum zufriedenstellend beantwortet werden konnte.

 

Pontinia via APPia

Für den Abschlussabend, bei dem wir öffentlich die Ergebnisse unserer einwöchigen Studien präsentieren sollten, entschieden wir Public History-Studierende uns, das Konzept für einen App-basierten historischen Stadtrundgang durch Pontinia zu entwickeln. Damit wollten wir das heutige Stadtbild mit Blick auf die Stadtgeschichte verständlich machen bzw. die in Gulli-Deckeln ebenso wie im Rathausturm deutlich sichtbaren historischen Spuren herausstellen. Durch das Projekt sollte den Nutzern die Ideologie-geladene Stadt- und Gebäudearchitektur des italienischen Faschismus nahegebracht werden. Ausschlaggebend für diesen Ansatz des Projekts war die Urbarmachung und Besiedlung der Region durch die Faschisten des Landes in den 1930er Jahren. Darüber hinaus sollte faschistische Symbolik, die bis heute in der gesamten Pontinischen Ebene anzutreffen ist, erläutert und kontextualisiert werden. Die App sollte dabei als Audio-Guide für die Führung durch Pontinia dienen. Dabei sollten wichtige Orte und Straßen der Stadt abgelaufen und dazu historisches Bildmaterial gezeigt werden, unter anderem vom Rathaus, der Kirche, dem ehemalige Haus des Faschismus und dem Wasserturm. Gerade die historischen Fotos verdeutlichen, dass die Stadt zunächst ohne die Menschen geplant und vor allem funktional gedacht war – auch wenn sie gerade deswegen eben nicht funktioniert hat.

Gullidecke mit Rutenbündel, Pontinia 2018 (Foto: Irmgard Zündorf)

Gullidecke mit Rutenbündel, Pontinia 2018 (Foto: Irmgard Zündorf)

 

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