Das Liebknechtportal

Das in die Fassade des DDR-Staatsratsgebäudes integrierte „Liebknechtportal“ erfüllte eine doppelte Funktion für das staatliche Selbstverständnis: Es war Siegestrophäe über die untergegangene Hohenzollernmonarchie und Denkmal der sozialistischen Revolution zugleich. Auf dem Balkon des Portals stehend hatte Karl Liebknecht am 9. November 1918 die Räterepublik verkündet; beim Abriss des Schlosses 1950 wurde das barocke Tor sichergestellt, um es als Symbol der vorweggenommenen Staatsgründung im Moment des Triumphes über Imperialismus, Militarismus und Faschismus wiederaufzubauen.

Je harmonischer das Narrativ, desto störender unpassende Details: Wo genau stand Liebknecht eigentlich, als er die Republik ausrief? Wer hat ihn kommen gesehen, wer ihn reden gehört? Wie überhaupt konnte der Staatsfeind Nummer 1 in das heiligste Refugium des Kaisertums gelangen? Und wer veranlasste schließlich, mehr als dreißig Jahre später, den Ausbau des Bauteils aus der sprengbereiten Ruine? Aus Zeitungsartikeln, Augenzeugenberichten, literarischen Schilderungen, Bauakten und Planungsskizzen soll die Geschichte des Liebknechtportals rekonstruiert werden – vom Erscheinen des Arbeiterführers vor dem Schlosseingang bis zur Inszenierung der Balkonszene in der DDR-Geschichtsdeutung. 

Dominik Juhnke

Zentrum für Zeithistorische Forschung
Am Neuen Markt 1
14467 Potsdam

E-Mail: juhnke [at] zzf-potsdam.de

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